Fluchttendenz bei alten Hunden oder warum meine Tessa plötzlich so schnell rennt
 
Kennt Ihr das auch bei Euren alten Hunden, dass die plötzlich einen Schritt draufhaben, bei dem kaum noch einer mithalten kann?
 
Meine Tessa, die früher immer hinter oder neben mir hergelaufen ist, ist jetzt immer vor mir unterwegs und flitzt umher wie ein Jungspund. Die alte Dame ist nun dreizehn Jahre alt und mehr oder weniger taub. Alles was sie noch hört ist lautes Rufen und Klatschen, aber eben auch nicht immer.
 
Am Anfang mussten wir beide uns an die neuen Gegebenheiten gewöhnen und einen Weg finden, um das Tierchen zu bremsen, wenn es mal in Fahrt war. Früher habe ich gerufen oder gepfiffen, wenn ich abbiegen oder anhalten wollte und einer der Hunde in die falsche Richtung lief, aber das kann sie jetzt ja nicht mehr hören.
 
Zuerst bin ich immer wieder hinterher gerannt und habe Tessa hinten angestupst, in der Hoffnung, dass sie anhält oder sich umschaut. Weit gefehlt, das Anfassen während des Laufs hat den Hund erschreckt. Sie hat dann jedes mal extra viel Gas gegeben, weil ihr das wohl nicht ganz geheuer war. Sie liebt es, angefasst zu werden wenn es ums Knudeln geht, es passt ihr nur irgendwie nicht zum Spazierengehen und Laufen - das war früher nie so und als altes Tierchen hat man eben so seine Gewohnheiten.
Nachdem das Anfassen ein paar Mal total nach hinten losgegangen war und ich Tessa so nur erschreckt habe anstatt sie zu bremsen, bin ich drauf gekommen, ihr zu vermitteln Anfassen = Leckerchen. Das hat sie ratzfatz gelernt, innerhalb von zehn Minuten fand sie das dann doch prima und hält seitdem brav an, wenn man ihr von hinten an die Flanke patscht. Soweit so gut, das ist der Weg, wenn das Tierchen erreichbar vor einem trabt.
 
Nun ist es mir aber auch ein paar Mal passiert, dass Tessa vollkommen in Gedanken weitergetrabt ist obwohl ich angehalten habe oder abbiegen wollte und damit aus meiner direkten Reichweite geraten ist. Da alle meine Hunde seit ich denken kann fast immer ohne Leine gehen, wollte ich sie aber auch nicht ständig anleinen, zumal das für uns beide eine Einschränkung wäre.
Bei solchen Gelegenheiten bin ich dann also regelmäßig hinter Tessa hergerannt, um sie nicht zu verlieren. Leider hatte Tessa dafür so gar kein Verständnis.
Wenn sie merkte, dass ich sie verfolgte, schaute sie sich hektisch um und rannte dann erst einmal in vollem Tempo weiter, weil wohl irgendeine Fluchttendez bei ihr einsetzte. Bei einer Gelegenheit hatte ich sie dann mit Mühe eingeholt und in die richtige Richtung geschoben - dahin, wo auch die beiden Jungs saßen und wo wir jeden Morgen anhalten.
Noch während ich darüber nachdachte, dass Tessa die Stelle nach so langer Zeit doch eigentlich kennen sollte und ihr das Handzeichen für Sitz machte, gab die alte Dame wieder Gas, rannte an den Jungs vorbei und sauste zurück in die Richtung, wo wir hergekommen waren.
 
Ich bin also wieder hinter ihr hergelaufen, habe sie schließlich wieder eingeholt und noch einmal gebremst. Prustend und nach Luft schnappend nahm ich das kleine Tier erst einmal in den Arm und beruhigte es wieder.
In den nächsten Tagen nahm ich Tessa an den kritischen Stellen an die Leine, aber wie gesagt, fand ich das mehr als unpraktisch. Außerdem musste man eben auch früh genug daran denken, sie anzuleinen bevor sie in Fahrt war und am Ziel vorbeirannte.
 
Solange Tessa mich nicht vor sich sieht, kann sie natürlich auch keinen Blickkontakt mit mir halten und oftmals ist sie dann vollkommen in Gedanken und achtet überhaupt nicht auf mich oder die Jungs. Sie rennt dann einfach so vor sich hin, dass man meint, sie habe einen unsichtbaren Antrieb, der läuft und läuft und läuft ...
 
Halte ich Kekse in der Hand, sieht das Ganze etwas anders aus. Dann klebt das alte Tier förmlich an mir, bettelt und schaut mir dabei die ganze Zeit ins Gesicht. Leider achtet sie dann aber nicht mehr auf ihre Umwelt, fällt über ihre eigenen Pfötchen oder irgendwelche Unebenheiten im Gelände oder rennt dann auch schonmal gegen einen Baum. Dazu kommt, dass Sie dann vor lauter Gier keine Zeit mehr hat ihre Geschäfte zu erledigen oder die Gegend zu erkunden.
 
Für mich wäre der Zweck erreicht, aber ich denke , Tessa würde das nicht gerecht. Ich wünsche mir, dass sie wieder ganz normal spazieren gehen kann, genau wie früher.
 
Seit ein paar Tagen nun haben wir endlich eine Lösung gefunden!
Als erstes haben wir Tessa ein kleines Dummy ans Halsband gehängt und Justus beigebracht, das alte Tierchen einzufangen.
 
Zu Anfang haben wir das Ganze erst einmal in der Wohnung geübt. Tessa und Justus standen nebeneinander, Justi bekam das Kommando "Bring", meine Mutter gab ihm das Dummy ins Maul und schob beide in meine Richtung.
Das hatten die zwei in Null Komma nix raus - in der Wohnung klappte das nach wenigen Durchgängen prima, schließlich gab es jedesmal für beide Hunde eine Belohnung.
 
Dann sind wir rausgegangen. Wir haben den alten Hund auf gerader Strecke abgesetzt, sind ein paar Meter weggegangen und haben den Justi losgeschickt. Klappte auch tadellos, Entfernung vergrößert - kein Problem.
 
Die ersten Versuche sahen vielversprechend aus. Justus lernte schnell, rannte auf Kommando zu Tessa, zog sie mit dem kleinen Dummy in die richtige Spur und flitzte dann mit ihr zusammen zu mir. Nicht nur ich war glücklich, auch beide Hunde fanden "das neue Spiel" großartig.
Tessa und Justus haben sich ihr Leben lang über alles geliebt, sie haben jahrelang täglich miteinander gespielt und sich gegenseitig geputzt und an den Öhrchen geknabbert. Und so ist Justus nun auch wenn er Tessa holen möchte, bestimmt aber auch sehr zärtlich.
Er zuppelt kurz am Dummy und Tesi folgt ihm begeistert wohin er sie haben möchte - so freudig gerannt ist sie die letzten 13 Jahre lang nicht.
 
Zunächst haben wir nur auf gerader Linie zwischen mir und Tessa geübt. Tessa hat anfangs immer gesessen, später wurde sie aus allen Lebenslagen abgeholt.
Irgendwann kam der Moment, wo Tesi sich entschlossen hatte, sich einfach mal hinzulegen. Das war für den Justus zuerst ein großes Problem. Entweder lag die alte Dame auf dem Dummy oder er hat nicht so recht gewußt, wie er sie zum Aufstehen bekommt, jedenfalls kam er einige Male ohne das alte Tierchen zurück.
Wieder hat meine Mutter geholfen, ich stand am Augangspunkt, sie hat Justi unterstützt, dann hat auch das geklappt. Zwei-, dreimal geübt und dann immer mal variiert und es ging!

 

Tesi trägt stolz ihr Dummy

Justi fasst das Dummy
und zieht Tessa zärtlich in die richtige Richtung

Er führt sie ein Stück auf den richtigen Weg...

... und Tessa rennt begeistert mit.

Dann läßt er sie los,
läuft in meine Richtung vor ihr her ...

... und Tessa folgt ihm freudig
mit fliegenden Fahnen bzw. Dummies.

Tessa kommt bei mir an
und beide Hunde werden mit einem
Leckerchen belohnt.

Dann kam eine Phase, in der Tesi ihren Keks kaum erwarten konnte und kaum sah sie den Justi auf sich zustürmen, sprang sie auf und rannte wie eine Verrückte an Justus vorbei auf mich zu.
 
War natürlich auch etwas am Thema vorbei, aber wenn sie das im Notfall auch macht, bin ich ja zufrieden. Ich hoffe nur, dass Justi eingreift, wenn sie dann in die falsche Richtung stürmt.
Ich habe Tessa in solchen Fällen ein paar Mal wieder ohne Keks an den Ausgangsplatz zurück gebracht, dann ging das auch wieder.
 
Der nächste Schritt war, dass der Justi Tessa im vollen Lauf abfängt.
Das war ein größeres Problem als ich dachte, statische alte Damen apportieren ja, sie im Lauf abfangen fand er erstmal doof. Nach einigen Tagen hatte er aber auch das verstanden und fing Tessa nun geschickt in der Bewegung ab, indem er sie überholte und sich vor sie stellte, um dann an ihr Dummy zu kommen.
 
Als das klappte, haben wir angefangen, Tessa hinter irgendwelchen Büschen oder in Einfahrten zu deponieren, so dass der Justi etwas suchen musste. Machte er prima, sobald er die Richtung angenommen hatte.
Zuerst meinte er allerdings, dass ich ja nicht hinter irgendwelche Hindernisse schauen kann, hat dann etwas herumgekaspert und mal hier und da markiert oder geschnüffelt wenn er außer Sicht war. Infolgedessen hat er leider öfter mal vergessen, mir das alte Tierchen wieder mitzubringen. Nach ein paar Ermahnungen meinerseits glaube ich aber, dass wir das jetzt auch weitgehend im Griff haben.
 
Inzwischen holt Justus Tessa aus allen Situationen heraus, solange wir alleine sind und nicht zu viel Ablenkung ins Spiel kommt. Wenn ich ihm die grobe Richtung vorgebe findet er Tessa zuverlässig und schleppt sie auf den richtigen Weg.
 
Wir haben das Ganze auch mit Anton versucht, der zerrt allerdings ziemlich grob am Dummy (und damit auch an Tesi) herum, so dass Tessa sich total sperrt und nicht im Traum daran denkt, dem Kerl zu folgen. Außerdem habe ich entschieden, dass es wohl besser ist, wenn nur einer der Jungs die Hundeoma apportiert, damit nicht beide in unterschiedliche Richtungen ziehen oder sich um das kleine Dummy streiten.
 
Also lernt Justus das nun alleine, zumal er auch der Jüngste im Rudel ist und später dann auch Anton apportieren kann.
Er geht dabei so sanft und geschickt vor, dass Tessa gerne mitgeht und ihm in die Richtung folgt, wo er hinmöchte. Büchst sie ihm dann nochmal aus oder schlägt sie die falsche Richtung ein, fasst er nochmal nach, dreht sie damit um und buchsiert sie so zu mir zurück.
 
Inzwischen hat Justus Tessa schon aus manchen brenzligen Situationen herausgeholt, die uns vor wenigen Wochen noch viel Sorgen bereitet hätten. Ich muss nicht mehr hinter dem alten Hund herrennen, sie erschreckt sich nicht mehr, weil ich sie in vollem Lauf verfolge und einzufangen versuche. Justus meistert seine neue Aufgabe bestens und auch Tessa ist vollkommen entspannt, wenn sie von Justi ausgebremst wird - im Gegenteil, sie freut sich wie verrückt auf das zu erwartende Leckerchen.
 
Ach ja, ein wirklich schöner Nebeneffekt unseres Trainings ist, dass Tessa wieder viel wacher erscheint und sich oft und gut darauf konzentriert, was ich oder Justi machen.
Drückt uns die Daumen, dass es so noch viele Jahre weitergeht!
 
 
 
 







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